21.06.2026
Auf dem Dorfplatz von Kritsa, hoch über Agios Nikolaos im Osten Kretas, liegt die Wärme des Tages noch in der Luft, obwohl die Sonne längst hinter den Bergen verschwunden ist. Es ist der 23. Juni, der Vorabend des Johannistages – das Fest des Agios Ioannis Klidonas beginnt.
In der Mitte des Platzes entzündet sich das erste Feuer. Trockenes Holz, alte Zweige und die Maikränze, die traditionell am 1. Mai gebunden werden und nun längst vertrocknet sind, werden den Flammen übergeben.
Menschen springen mit klarer Absicht über das Feuer – eine symbolische Geste: zurücklassen, was gewesen ist, und Schutz erbitten für das, was kommt.
Sobald die Flammen ruhiger werden, verändert sich die Atmosphäre des Abends. Eine Trommel ertönt, die kretische Lyra setzt ein, begleitet von der Laute, gelegentlich durchzogen vom sehnsuchtsvollen Klang einer Flöte oder der treibenden Kraft des Dudelsacks. Die Gespräche werden leiser. Menschen fassen einander an den Händen.
Der Tanz beginnt langsam, fast tastend, dann zunehmend sicherer und schneller. Schritte greifen ineinander, der Boden staubt, der Kreis beginnt zu atmen.
Der Name des Festes verweist auf das griechische klēdōn: ein Zeichen, ein Orakel, eine Botschaft. Früher gehörten in vielen Dörfern kleine Weissagungsrituale dazu – besonders für junge Frauen auf der Suche nach Hinweisen für die Zukunft. Heute ist davon meist nur die Erinnerung geblieben – und die leise Ahnung, dass dieser Abend auf ganz eigene Weise zu uns spricht, ganz ohne Worte.
Das Fest fällt in unmittelbare Nähe zur Sommersonnenwende. Die Sonne hat ihren höchsten Stand erreicht, die Tage sind am längsten, das Licht am stärksten.
Feuer, Tanz und Gemeinschaft markieren diesen Übergang nicht abstrakt, sondern körperlich – durch Hitze, Bewegung und Rhythmus.
Antike Motive klingen darin bis heute nach: das Feuer als Reinigung und Übergang, der Tanz als Ausdruck kosmischer Ordnung im Jahreskreis, die Suche nach Zeichen für das Kommende.
All dies war bereits in der griechischen Antike tief verankert – in Ritualen, Festen und Heiligtümern – und findet seine Fortsetzung heute im christlich gerahmten Fest des Johannes, in Kritsa und vielen anderen Orten Kretas und Griechenlands. Vielleicht liegt gerade darin die besondere Faszination des Klidonas-Festes.
Wenn die Menschen Ende Juni über die Feuer springen und anschließend im Kreis tanzen, feiern sie den Sommer nicht nur als Jahreszeit. Sie feiern einen Übergang. Die Sonne erreicht ihren Höhepunkt. Die Natur steht in voller Kraft. Und doch beginnt bereits die leise Bewegung zurück zu kürzeren Tagen.
Das Fest markiert diesen Moment der Wende. Sein Ausdruck manifestiert sich im gemeinsamen Tanz im Kreis um das Feuer.
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